Ist eine schöne Geburtserfahrung einer Frage des Glücks?

Ein Gastbeitrag von Kristin Graf

Davon war ich jedenfalls vor der Geburt meines ersten Kindes überzeugt. Ich dachte, das Schmerzempfinden unter Geburt variiert eben von Frau zu Frau, da kann man gar nichts machen. Und wenn ich Glück habe, dann dauert die Geburt nur acht Stunden, und ich ertrage die Schmerzen irgendwie. Das muss ich eben aushalten, und ich muss da irgendwie durch. Ich hatte ungeheuer Respekt vor meiner ersten Geburt, denn ich wusste, dass ich ein eher schmerzempfindlicher Mensch bin, und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein Baby durch mich hindurchpassen sollte. Mein Bauch kam mir riesig vor, und ich hatte genügend Horrorgeschichten gehört, die mir sogar Angst vor einer komplikationsfreien Geburt machten. Auch meine Hebamme sagte zu mir: „Machen wir uns nichts vor, Geburt tut nun mal weh, und jeder, der was anderes behauptet, lügt.“

Ich hatte dann tatsächlich auch zwei Geburten, die ich wegen der starken Schmerzen als traumatisch erlebt habe. Ein paar Jahre später habe ich aber ein Baby geboren, das mit seinen viereinhalb Kilo schwerer war, als die ersten beiden, und ich hatte überhaupt keine Schmerzen. Ohne Medikamente. Später bin ich auf Gynäkologinnen gestoßen, die mir sagten, dass sie mir nicht glaubten, da eine schmerzfreie Geburt unmöglich wäre. Aber ich habe es am eigenen Leib erfahren, und dieses Erlebnis hat mich tief beeindruckt und nachhaltig geprägt. Was war nun der Unterschied? Was ist passiert, dass ich beim dritten Mal eine vollkommen andere Geburtserfahrung machen konnte?

Um das zu erklären, möchte ich dich mitnehmen auf einen kleinen Exkurs in unser Gehirn. Ein Schmerz entsteht nämlich generell nicht am Ort, an dem ein Schmerzreiz gesetzt wird. Im Fall der Geburt entsteht er also nicht am Muttermund, sondern der Impuls wandert vom Muttermund über Nervenbahnen zum Rückenmark und von dort aus zum Gehirn. Hier trifft der Impuls auf unseren sensomotorischen Cortex, den Teil des Gehirns, der für Sensorik und Motorik zuständig ist. Und von hier wird der Schmerzimpuls auf unserer gesamten Großhirnrinde verarbeitet, verwertet und einsortiert. Erst jetzt empfinden wir auch den Schmerz, und zwar so stark wie unser Gehirn ihn „einsortiert“ hat. Das geht natürlich alles so schnell, dass wir ein Gefühl von Gleichzeitigkeit haben. Wir schneiden uns in den Finger und haben gleichzeitig das Gefühl von Schmerz.

Dennoch gibt es manchmal Situationen, in denen wir nicht merken, dass wir uns verletzt haben. Ist dir das vielleicht auch schon mal passiert? Manchmal geschieht das bei einem sportlichen Wettkampf, oder Schauspielern passiert es regelmäßig auf der Bühne. Sie kommen von der Bühne herunter und merken plötzlich, dass sie irgendwo bluten, haben auf der Bühne aber gar nicht gemerkt, dass sie sich eine Verletzung zugezogen haben.

Des Rätsels Lösung liegt hier in dem besonderen mentalen Zustand, in dem wir uns sowohl bei einer sportlichen Höchstleistung als auch auf der Bühne befinden. Im Gehirn entsteht hier eine Art „Superkonzentration“. Wir blenden alles um uns herum aus und sind voll und ganz konzentriert auf diesen speziellen Moment, auf unser Ziel beispielsweise bei einem Lauf oder auf das Erleben auf der Bühne, den Text, die Interaktion mit den anderen Schauspielern. Auch bei monotonen Bewegungen tritt dieser Zustand übrigens ein, beim Kartoffelschälen beispielsweise oder beim Autofahren. Da können wir uns „wegträumen“ und gar nicht mehr recht anwesend sein, und wenn dann plötzlich jemand anruft oder neben uns steht, erschrecken wir uns vielleicht, weil wir so tief versunken waren. Diesen besonderen Zustand, in den wir automatisch mehrmals am Tag fallen, können wir auch als Trancezustand oder hypnotischen Zustand bezeichnen. Du kennst ihn auch vom Einschlafen oder Aufwachen.

Während dieses Zustandes passiert, vereinfacht gesagt, im Gehirn folgendes: Ein vergleichsweise junger Teil unseres Gehirns ist die Großhirnrinde, die dem Gehirn das walnussähnliche Aussehen verleiht. Sie fährt ihre Aktivität und Arbeit in Trance in gewisser Weise herunter. Da auf der Großhirnrinde ja unter anderem auch Schmerzinformationen verarbeitet werden, können wir in diesem Zustand von einer veränderten Schmerzempfindung ausgehen. Manche Menschen berichten, dass sie das Gefühl haben, einen Schmerz durchaus zu spüren, der Schmerz ist ihnen aber irgendwie egal, beinahe so, als würden sie neben dem Schmerz stehen oder als hätte eine andere Person den Schmerz. Bei anderen wiederum ist das Schmerzempfinden stark reduziert, und sie nehmen einen deutlichen Unterschied wahr, wenn sie einmal aus dem hypnotischen Zustand herauskommen. Wieder andere haben in Hypnose gar kein Schmerzempfinden, so wie es bei mir bei der Geburt meines dritten Kindes war. Ich hatte zwar ein starkes Gefühl von Druck und Dehnung, empfand aber keinen Schmerz.

Das Erleben einer positiven Geburt ist also nicht in erster Linie eine Frage des Glücks oder der Genetik. Wir können auch selbst etwas tun, indem wir diesen besonderen Zustand der Trance üben und erlernen. Bei der Geburt gelingt es übrigens besonders leicht, ihn auch abzurufen. Ich gehe davon aus, dass alle Säugetiere instinktiv während einer Geburt in Hypnose gehen, so wie wir es auch bei einem Marathonlauf tun würden, ohne es überhaupt zu registrieren. Deswegen erleben wir Tiere auch fast immer als sehr friedlich bei der Geburt. Wir üben also einen Zustand ein, den wir eigentlich von Natur aus einnehmen würden, um dadurch ähnlich positive Geburtserfahrungen zu machen wie beispielsweise unsere nahen Verwandten, die Schimpansen. Und ja, tolle Geburtsbegleiter und ein Quäntchen Glück dürfen natürlich auch gern mit an Bord sein. Eine solche friedliche Geburt wünsche ich dir auf jeden Fall von ganzem Herzen, wenn du gerade schwanger bist!

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Als Mütter tragen wir sehr häufig dafür Sorge, dass es allen in der Familie gut geht. Wir achten darauf, dass jeder die notwendigen Auszeiten bekommt, um die notwendige Kraft zu tanken. Wir schauen, dass alle Bedürfnisse gestillt werden und unsere Kinder gute und gesunde Mahlzeiten erhalten und satt sind. Wir achten darauf, dass sie ausreichend Bewegung haben und die Welt entdecken können, aber auch dass sie sich ausruhen und früh genug ins Bett gehen, um ausreichend Schlaf zu bekommen. Bei der Sorge um die Bedürfnisse von allen anderen vergessen wir dabei ganz oft uns selbst. Auch wir brauchen immer mal wieder eine Pause oder eine Auszeit, um unsere Akkus wieder aufzuladen. Wie geht es dir damit? Nimmst du dir regelmäßige eine Auszeit? Wie gelingt es dir, regelmäßige Pausen in deinen Familienalltag zu integrieren? Schreib mir dazu gerne in die Kommentare. #momtobe #schwanger2020 #schwanger2021 #schwangerschaft #schwanger #baby2020 #baby2021 #hypnobirthing #geburtinhypnose #geburtinhypnose #mamasein #motherhood #wochenbett #diefriedlichegeburt #dickbauchdienstag #muttersein

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