Schwangerschaftsdepression

Die Erwartungen an eine Schwangerschaft

Voller Stolz tragen sie ihre kleinen Kugeln vor sich her. Sanft behütend werden beide Hände auf den Bauch gehalten. Alles wirkt friedlich und unheimlich liebevoll. Genau dieses Bild hatte ich von einer Schwangeren im Kopf. Ich stellte mir die Schwangerschaft sehr ruhig vor. Ich hätte viel Zeit, würde mir ständig nur irgendwelche Bücher durchlesen, in denen es um die Schwangerschaft, um die Geburt und um Kinder ging. Ich würde mich vollkommen auf mein kleines Glück vorbereiten. Alles ganz friedvoll. Alles ganz gesetzt. Im Einklang mit mir selbst, meinem Körper und der Schwangerschaft.

… und dann kam meine tatsächliche Schwangerschaft.

In den ersten drei Monaten ging es mir in der Schwangerschaft leider gar nicht gut. Ich hatte mit einer heftigen Übelkeit zu kämpfen, die erst ab der 13ten Schwangerschaftswoche (SSW) langsam und zögerlich abnahm. Neben diesem völlig unerwarteten Einschnitt war ich plötzlich recht verunsichert. Ich hatte zuvor immer sehr viel Sport gemacht. War kurz vor meiner Schwangerschaft so motiviert wie lange nicht mehr und wollte meinem Ziel einen durchtrainierten Bauch zu haben, unbedingt näher kommen. Ich hatte mich sehr genau an verschiedene Ernährungspläne gehalten und in der Woche mindestens 3-4 Mal Sport gemacht. Plötzlich war ich mir nicht sicher, inwiefern diese intensive Bewegung gut für mich und meinen kleinen Bauchmitbewohner war. Sobald ich von der Schwangerschaft erfuhr beendete ich daher schlagartig meine sportlichen Betätigungen.

Vom Abschied…

Das Schlimmste war für mich allerdings, dass ich damit konfrontiert war, meine Arbeit aufzugeben. Ich habe zwar einen unbefristeten Arbeitsvertrag an einer Klinik, aber ich weiß und wusste, dass ich nicht mehr zurück konnte in meine Arbeit. Auch kamen bei mir unterschiedliche Faktoren hinzu: Ich hatte einen Arbeitsweg von 60km. War somit eine Stunde für eine Strecke unterwegs. Die Vorstellung diesen Weg auf mich zu nehmen für weniger Geld in einer Teilzeitstelle, machte für mich wenig Sinn. Zudem der Gedanke, dass ich derart weit weg von meinem Kind wäre und nicht die Möglichkeit hätte, schnell einmal nach Hause zu kommen, missfiel mir. Ich musste also anfangen mich mit diesen Gedanken auseinander zu setzen.

Im Verlauf der Schwangerschaft hatte ich so immer mehr und zuspitzend das Gefühl Stücke meiner Identität zu verlieren:

# Ich konnte durch mein Sport- und Essverhalten mir selbst gegenüber nicht mehr beweisen, dass ich wirklich diszipliniert war

# Ich hatte durch den wachsenden Bauch immer weniger das Gefühl attraktiv zu sein und hatte Angst davor, wie mein Körper nach der Schwangerschaft aussehen würde

# Ich hatte vor meiner Schwangerschaft einen Vollzeitjob, den ich über alles liebte, und den ich aufgeben musste. In dem ich sehr viel auch gearbeitet habe, mit zusätzlichen Überstunden und noch mit einem Nebenjob, den ich auch nicht mehr machen konnte.

# Und zu guter Letzt hatte ich furchtbar Angst. Angst vor der Verantwortung einem solchen kleinen Wesen gegenüber. Angst vor der Geburt. Angst vor allem, was mit meinem kleinen Krümelchen verbunden war.

Ich konnte mich daher zu Beginn überhaupt nicht über meine Schwangerschaft freuen. Und ich glaube genau diese Tatsache war für mich mit am Schlimmsten: jeden Tag Menschen zu begegnen, die mich fragten, wie es mir geht und worauf ich zum ersten Mal merkte, dass ich nicht einfach gesellschaftlich verlangt mit einem schlichten „Gut“ antworten konnte. Allein an der Stimmmelodie meines Gegenübers wurde für mich ersichtlich, dass es sich um eine andere Art von „wie geht es dir?“ handelte. Dahinter steckte auch die Frage: „Wie verläuft deine Schwangerschaft? Hast du mit Beschwerden zu kämpfen? Wie geht’s deinem kleinen Bauchmitbewohner?“. Und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Sollte ich sagen, wie schlecht es mir innerlich ging? Wie zerrissen ich innerlich war? Dass ich das Gefühl hatte, ich müsste die glücklichste Frau der Welt sein, weil ein kleines Wunder in mir heranwuchs und merkte, dass das aber momentan nicht möglich war? Klar schätzte ich mich unheimlich glücklich, dass ich nach der anfänglichen Übelkeit mit keinen größeren körperlichen Einschränkungen zu kämpfen hatte, aber da war dieses innerliche Gefühl. Innerliche Vorwürfe, warum ich mich selbst nicht über meine Schwangerschaft freuen konnte. Der Gedanke, ich sei jetzt schon eine schlechte Mutter, weil die Freude ausblieb.

Zusätzlich fiel es mir schwer konfrontiert zu sein mit all den glücklichen Gesichtern, die sich alle doch „so sehr“ über meine Schwangerschaft freuten und immer wieder betonten, was für ein Wunder solch eine Schwangerschaft sei. Während ich innerlich zerrissen war und für mich diese Schwangerschaft so viele Einschnitte bedeutete. Einschnitte und Abschied. Abschied von all den Dingen, die mich vorher ausgemacht hatten und die ich aufgeben musste. Ich fühlte mich schrecklich und ich schämte mich für meine Gefühle.

Was mir schließlich geholfen hat…

Zu Beginn wollte ich mich überhaupt nicht damit auseinander setzen. Ich hatte das Gefühl nicht verstanden zu werden. Als ich allerdings merkte, dass es dadurch nicht besser, sondern immer nur schlimmer wurde, war es für mich erst einmal wichtig wahrzunehmen, dass diese Gefühle da sind. Einzusehen, dass ich mich nicht klischeehaft über meine Schwangerschaft freuen konnte. Anzuerkennen, dass dies in Ordnung war, dass ich damit nicht abnormal war, sondern zu bemerken, dass ich dies derzeit akzeptieren musste. Gleichzeitig war dies auch der schwierigste Schritt.

Anschließend war es für mich unheimlich wertvoll ins Gespräch mit meinem Partner zu gehen. Ihm meine Situation zu erklären, mich ihm anzuvertrauen und Verständnis dafür zu bekommen. Dies tat unheimlich gut!

Zudem habe ich mir Podcasts über das Thema Geburt, über Schwangerschaftshormone und über Krisen in der Schwangerschaft angehört. Besonders ans Herz legen kann ich euch dabei den Podcast „die friedliche Geburt“, welche sehr viele nützliche Folgen enthält. Er hat mich oftmals sehr zur Ruhe gebracht. Folge 9 hat mich dabei besonders in meinem Tief begleitet und sehr wertvoll unterstützt.

Fazit

Falls es euch genauso geht, dann fühlt euch deswegen nicht abnormal oder schlecht. Es darf auch in einer Schwangerschaft Krisen geben und NEIN, nur weil da ein kleines Wunder in einem wächst, bedeutet das nicht, dass du freudestrahlend durch die Welt laufen musst, weil alles ganz toll ist. Du hast das Recht darüber traurig zu sein, dass du manches aufgeben musst. Du darfst Angst vor der Veränderung haben. Immerhin wird sich dein Leben, so wie du es bis jetzt kennen gelernt hast, komplett verändern und nicht mehr zurück kommen. Über diesen Abschied darf auch getrauert werden. Dieser Abschied verdient es sogar, dass er betrauert wird.

Und zu guter Letzt: Wenn du merkst, dass es nicht besser wird, dann schäme dich auch nicht dir professionelle Hilfe zu holen! Es gibt nichts Schöneres, als das Gefühl verstanden zu werden und sich entlasten zu können!

Fühlt euch gedrückt!

Mella

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